Lauter Märchen über Gold

Sehr geehrte Leser,

im Internet kursieren mindestens genauso viele Märchen über Gold (aurum), wie über die Aktienanlage im allgemeinen. Dieser Unsinn wird dann so oft zitiert bis es fast jeder glaubt. Aus aktuellen Anlass möchte ich daher ein paar Dinge zurecht rücken, welche im Artikel „Gold macht dich arm“ auf http://grossmutters-sparstrumpf.de genannt wurden.

Die Quintessenz des Artikels ist es, dass der Goldpreis für immer fallen wird und man doch lieber Aktien kaufen soll. Dafür werden auch lauter abenteuerliche Gründe angeführt. Leider sind diese alle, schmeichelnd gesagt, schlecht recherchiert.

Der erste Fehler der gemacht wurde war, Gold mit Aktien zu vergleichen. Gold ist aber keine Investition sondern eine Versicherung (ggf. noch Luxusgut in Form von Schmuck oder Komplementär-Währung). Die Definition einer Investition steht immer im Zusammenhang mit daraus resultierenden zukünftigen Erträgen. Eine Aktie liefert im besten Fall Dividenden, eine Anleihe einen Kupon, ein Bausparer Zinsen und eine Immobilie Mieteinnahmen. Gold liefert dies nicht, genauso wie eine Unfallversicherung keine laufenden Einnahmen generiert.

Dagegen passt die Definition für eine Versicherung deutlich besser:..

Deckung eines im Einzelnen ungewissen, insgesamt geschätzten Mittelbedarfs auf der Grundlage des Risikoausgleichs im Kollektiv und in der Zeit.

Während eine Unfallversicherung das leibliche Wohl absichert, kann Gold ein Paar finanzielle Risiken absichern. Beispielsweise wäre die Insolvenz einer größeren Bank oder eines Staates ein „Unfall“ mit ungewissen Folgen. Ebenso die Einführung einer einmaligen Vermögensabgabe (wie von IWF diskutiert), eine Währungsreform, Beschränkungen des Geldtransfers/Handel, oder der Ausbruch einer Hyperinflation. Aktien würden wegen der allgemeinen Verunsicherung in den Keller rauschen. Verstärkt noch durch den Effekt, dass einige auf Kredit gekauft wurden. Bei Anleihen besteht vielleicht die Gefahr des Zahlungsausfalls. Dieses Risiko setzt sich natürlich auch für alle darauf aufbauenden Produkte fort (Versicherungen, Bausparer, Fonds, Festgeld). Ebenso sind Sichteinlagen bei Bankenpleiten, Hyperinflation oder Vermögensabgaben (siehe Zypern) gefährdet. Und wie wir 2008/09 gesehen haben werden auch Rohstoffe nicht von der schlechten Stimmung verschont. Selbst Immobilien sind kein perfekter Schutz, da man hier von Kreditkonditionen, allgemeinem Zinsniveau und der Solvenz seiner Mieter abhängt. Einzig die selbst genutzte und bereits abgezahlte Immobilie bietet weniger Risiko. Denn vor Steuererhöhungen und Enteignungen sind grundsätzlich auch Goldeigentümer nicht geschützt.

Gold hat auch noch den Vorteil gegenüber einer klassischen Versicherung, dass man sich im Schadensfall nicht herum streiten muss. Gold wehrt sich nicht gegen einen Verkauf.

Der Autor (Christian Thiel) vergleicht nun die Performance des S&P 500, seit 1914, mit denen von Gold. Er kommt zum Schluss, dass inflationsbereinigt nur 1,16% Gewinn nach 101 Jahren übrig bleiben. Wenn die Rechnung korrekt wäre, ist das toll. Denn dann hätte Gold seine Funktion als Versicherung erfüllt. Allerdings ist Gold erst seit Ende des Bretton-Woods-Systems 1973 frei handelbar. Bis dahin bestand ein fester Umtauschkurs von 1 Uz Gold zu 35 USD. Dazu kommt, dass Gold wie bereits erwähnt eine Versicherung ist. Aus diesem Grund ist ein Vergleich mit dem Geldmengenwachstum sinnvoller.

Man findet dazu jede Menge Grafiken im Internet. Mal inflationsbereinigt, mal im Verhältnis zu den Verbraucherpreisen, mal in Euro und mal in USD. Alles aus verschiedenen Quellen, z. B.:

goldpreis geldmenge

goldpreis geldmenge welt

Zur starken Korrelation zwischen Goldpreis und Geldmenge kommt noch hinzu, dass der Wohlstand weltweit zugenommen hat. Fast 60% der weltweiten Goldnachfrage kommt aus der Schmuckindustrie. Wichtige Länder für diese Nachfrage sind Indien und China. Daher hatte der China-Boom seit ca. 2003 auch Einfluss auf die Goldnachfrage und den Preis. Auch war und ist die relativ neue Erfindung von Papiergold, in Form von ETFs, ein Preisbeeinflusser.

Ob man Versicherungen braucht, muss jeder selbst entscheiden. Grundsätzlich geht ein Teil des Vermögens dann in weniger rentable Produkte, welche die Gesamtperformance reduzieren. Dieser einfache Zusammenhang zwischen Risiko und Rendite sollte eigentlich klar sein. Im Artikel „Gold macht dich arm“ schien das eine neue Erkenntnis des Autors zu sein. Das Buffett sein Geld nicht mehr in Gold anlegen wird ist auch kein Wunder. Selbst nach einem erneuten crash wie 2008 bleibt Buffett noch genug Geld zum Leben. Multimillardäre haben andere Sorgen.

Als 3. Grund für weiter fallende Goldpreise werden von Hr. Thiel richtige Münchhausen-Geschichten präsentiert.

In der Erdkruste befinden sich allerdings unglaubliche 30 Milliarden Tonnen Gold! […] Mit der Entwicklung von neuen technischen Verfahren und Geräten zum Abbau könnte sich ein Teil dieser Reserven in 10 oder 20 Jahren möglicherweise sogar ganz leicht fördern lassen.

Offenbar weil schon einfache Grundkenntnisse im Bereich Bergbau völlig fehlen. Anstatt Reserven wären „nicht nachgewiesene Ressourcen“ angebracht. Und obwohl die technischen Möglichkeiten besser geworden sind, stiegen die Produktionskosten. Heute haben Bergbaukonzerne mit fallenden Graden, weniger Entdeckungen von neuen Vorkommen, Wasserknappheit, hohen Infrastruktur-Ausgaben, geopolitischen Risiken und höheren Umweltauflagen zu kämpfen. Einzig das Aufspüren von Goldlagerstätten ist heute etwas treffsicherer geworden. Schließlich wollen Konzerne es nicht dem Zufall überlassen, ob sie Erfolg haben werden. Die meisten sweet spots sind schon lange abgeerntet. Es wird immer teuer an die aufwendigeren Vorkommen zu gelangen. Das gilt im übrigen nicht nur für Gold, sondern auch für Kupfer, Öl usw.

Aber schön wenn man noch Visionen hat.

Alleine die Entdeckung von nur drei oder vier großen Kupfervorkommen, vergleichbar mit dem der Salobo-Mine des Bergbaukonzerns Vale in Brasilien, die im einfachen Tagebau nebenbei große Mengen an Gold fördert, kann den Goldpreis stark unter Druck setzen. Vale verkauft sein dort gefördertes Gold derzeit für gerade einmal 400 Dollar. Die reinen Förderkosten dürften noch niedriger liegen. […] Auch reine Goldminen können, werden sie im Tagebau betrieben, Kosten von gerade einmal 300 Dollar erreichen, wie etwa die Kodieran Goldmine in Mali.

Die Begründung Vale würde sein Gold nur zu ¼ des aktuellen Spot-Preises verkaufen, um den Goldpreis zu drücken ist absoluter Schwachsinn. Vale hat für diese Mine ein Streaming-Abkommen mit Silver Wheaton abgeschlossen und dafür eine Vorauszahlung erhalten. Vale hat also keines falls sein Gold verschenkt und ist auch nicht an Preiskämpfen in diesem Geschäft interessiert. Auch sind 140k Uz Gold pro Jahr nur eine sehr kleine Produktion. Umgerechnet entspricht das der Deckung von 0,10% der weltweiten Goldnachfrage in 2015. Oder anders ausgedrückt. Die globale Nachfrage stieg vom 1. Halbjahr 2015 bis 2. Halbjahr 2015 um 241 t. Selbst die 4-fache Menge der Salobo-Mine würde nicht ausreichen, um die These vom unter Druck geratenen Goldpreis zu untermauern.

Das manchmal noch Minen mit hohen Graden in Betrieb genommen werden, ändert nichts am Trend von grundsätzlichen Problemen, mit denen Bergbaukonzerne heute konfrontiert sind. High grade Minen sind inzwischen eher die Ausnahme. Die Grade heutiger aktiver Goldminen haben im Durchschnitt eher um die 1 bis 1,1 g/t. Hätte Herr Thiel den selbst verlinkten Artikel richtig gelesen und korrekt zitiert, dann wüsste er, dass die Produktionskosten ohnehin sehr optimistisch angegeben werden.

Doch man ist unermüdlich und präsentiert einen chart zu den weltweiten Produktionskosten…

Die Hälfte des geförderten Goldes kostet in der Produktion weniger als 600 Dollar.

Auch hier scheint Hr. Thiel Neuland zu betreten. Diese Produktionskosten beziehen sich auf die reinen cash costs der Förderung. Nimmt man die Erhaltungsinvestitionen dazu, kurz AISC, dann kostet die Hälfte der weltweiten Förderung weniger als 900 USD/Uz. In den AISC sind aber keine Abschreibungen, Rückstellungen, Kredit-Zinsen, Einkommenssteuern, Dividenden für Aktionäre, Exploration neuer Vorkommen und Baukosten neuer Minen enthalten. Die all-in costs sind dadurch um einiges höher, weshalb auch viele Goldminenbetreiber in den letzten Jahren Verluste schreiben. Wenn die Goldproduktion wirklich so billig wäre, wären Goldminen trotz Goldpreisverfall ein super Geschäftsmodell. Nur die Realität sieht anders aus.

Ich kann nicht beurteilen, ob Hr. Thiel einfach nur unwissend ist oder aus Frustration über seine verlustreiche Goldspekulationen solche Geschichten in die Welt setzt. Warum führt jemand, der sich angeblich als „Gold-Realist“ bezeichnet, keine vernünftigen Gründe an?

Es gibt 2 sinnvolle Gründe gegen Gold (als Versicherung, nicht als Schmuck), die aber merkwürdiger weise selten von Gold-Skeptikern erkannt werden. Vielleicht wegen einer Art Betriebsblindheit.

1.

Gold hält unseren Wirtschaftskreislauf nicht am Leben, genau so wie das Horten von Bargeld Banknoten kontra-produktiv ist. Gold kann einmal gekauft und dann für immer gehortet werden. Unser Wirtschaftssystem bedingt aber eine hohe Umlaufgeschwindigkeit des Geldes. Ein Auswuchs dieses Systems ist die geplante Obsoleszenz, wodurch die Umlaufgeschwindigkeit künstlich erhöht wird. Gold wird aber nicht konsumiert, wie andere Waren und Dienstleistungen.

Ein schönes Beispiel stammt von einem befreundeten Investor namens Reko:

Kauf ich mir eine Kinokarte, ist die in 2 Stunden verkonsumiert und ich kann mir eine neue Kinokarte kaufen.
Kaufe ich mir ein Handy, dann komme ich in einem Jahr wieder als Käufer zurück.
Kaufe ich Gold, dann benutzen auch meine Enkelkinder das noch als Versicherungspolice.

Wichtig für das Wirtschsftswachstum ist, dass das Buchgeld ausgegeben wird und nicht nur auf ein anderes Währungskonto umgebucht wird.
Die Minen sind dabei nur das Äquivalent zur Bundesdruckerei. Einmal ausgegraben kann Gold beliebig oft verwendet werden.“

2.

Was die Seltenheit von Gold angeht, so trifft das auch auf manche andere Rohstoffe (z. B. Rhodium, Palladium, Titan) oder bestimmte Produkte (Unikat) zu. Man könnte auch das Werk eines verstorbenen, aber berühmten Malers kaufen. Solche Werke kann der Staat auch nicht beliebig vermehren und es muss dafür die Umwelt nicht zerstört werden. Das Bild hält zwar nicht so lange wie ein Goldbarren, aber ggf. lange genug um die nächste Hyperinflation, Börsencrash oder Währungsreform zu überstehen. Alternativ bietet sich auch eine Streuobstwiese an. Diese wäre sogar eine echte Investition, weil hier Naturalzinsen anfallen.

Also ist Gold doch schlecht?

Natürlich gibt es auch gute Gründe für den Besitz von Gold. Eine Zentralbank kann zur Währungsdiversifikation nicht 100 Hektar Ackerland kaufen. Auch machen sich wertvolle Bilder schlecht in den Tresoren, wenn man schnell Liquidität benötigt. Die Nachfrage von Zentralbanken lag 2015 bei rund 14% der Gesamtnachfrage, ist also nicht ganz unbedeutend. Auch Privatpersonen können mit Gold eine Währungsdiversifikation betreiben. Im Gegensatz zu Bündeln von EUR, USD, CHF und Pfund ist Gold kein Zahlungsversprechen, d. h. kein Schuldgeld. Zudem steigt i.d.R. der Preis bei steigender Schuldgeldentwertung. Das ist in den letzten Jahrzehnten durch Währungsabwertungen immer wieder vorgekommen. Papierbündel bieten keinen Schutz. Genau jene Bündel werden aber oft in einer Krise zu Hause gehortet.

Und Goldschmuck ist ohnehin Geschmackssache, genauso wie Luxusuhren oder teure Autos.

Ich hatte einmal einen Artikel über das Thema Kompetenzkreis auf valueblog.de verfasst. Es ist wichtig, dass man sich bewusst ist, ab wann man diesen verlässt. Nur durch viel lesen, recherchieren und diskutieren erlangt man noch mehr wissen – auch außerhalb seines persönlichen Kompetenzkreises. Etwas schlecht zu reden was man nicht versteht, ist einfach. Der persönliche Lerneffekt daraus ist aber 0.

 

3 Gedanken zu “Lauter Märchen über Gold

  1. Gelungener Artikel. Bezüglich Einfluss der Förderung auf den Goldpreis:

    Speziell bei Gold, das oft ja nicht verarbeitet wird (abgesehen von kleineren Einsatzgebieten; Schmuck ist ja im Endeffekt geschichtlich gesehen auch nur eine Aufbewahrungsart) ist die Neuproduktion nicht so entscheidend wie beispielsweise bei Öl (das mehr oder weniger sofort verarbeitet/verwendet wird): Das globale stock-to-flow Verhältnis ist relativ hoch, wahrscheinlich fast das höchste aller Rohstoffe. Deswegen hat die jährliche Förderung gar nicht so einen großen Einfluss auf die Preisbildung, wie angenommen/bei anderen Rohstoffen.

    Tom

    • Danke.
      Ja du hast Recht. Mir ging es zwar eher um die richtig Stellung der falschen Aussage, dass eine kleine Mine den Goldpreis unter Druck setzen kann. Natürlich hat wegen des Booms auch die reine Minenproduktion zugenommen, was nicht ganz folgenlos war. Aber grundsätzlich sind die Vorräte und das Recycling schon eine bedeutendere Einflussgröße. Gerade die ETF Bestände sind reine Wetten und können leicht wieder auf dem Markt als Angebot auftauchen.

    • Hallo Tom,
      auch wenn ich hier neu bin, möchte ich deine Aussage etwas relativieren.
      Da das meiste Gold von Privatpersonen oder Zentralbanken gehortet wird, ist es als Wertspeicher in Gebrauch und am Markt nicht verfügbar. Das würde sich erst ändern, wenn plötzlich viele ihren Wertspeicher auflösen wollen.
      Bisher besteht aber ein stetig steigender Bedarf an Gold, der nur durch die Produktion der Minen gedeckt werden kann. Der Recyclinganteil an der Goldproduktion beträgt nur etwa 1/3 (jährlich 16522M$ von 50817M$).
      In dieser Situation können die kurzfristig gehandelten Lagerbestände der Banken und Fonds den Preis langfristig nicht kontrollieren. Die für den Bedarf nötigen Minen müssen in Betrieb bleiben. Eine erfolgreiche Imagekampagne „Gold ist uncool“ könnte das ändern.

      reko

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