Der Kompetenzbereich beim Value Investing

Sehr geehrte Leser,

wenn man sich mit Value Investing befasst, stößt man irgend wann unweigerlich auf dieses Thema. Im Internet werden auch regelmäßig Artikel dazu veröffentlicht. Warren Buffett beschreibt den Kompetenzbereich beim Investieren so, dass man sich möglichst in Branchen einkaufen sollte, wo das Geschäftsmodell über lange Zeit stabil bleibt. Also die zukünftige Entwicklung (z. B. von Gewinnen) nur von sehr wenigen Parametern abhängt. Umso weniger sich die Geschäftsgrundlage verändert, umso leichter sollten Vorhersagen zu treffen sein und umso genauer lässt sich der innere Wert des Unternehmens bestimmen. Außerdem verleiten sehr einfache Geschäftsmodelle mit wenigen Einflussfaktoren nicht dazu, dass man all zu leicht zu viele Annahmen trifft (die alle falsch sein könnten).

Dazu hat sich Buffett auch einmal passend geäußert:

Man sollte nur in Firmen investieren, die auch ein absoluter Vollidiot leiten kann, denn eines Tages wird genau das passieren!“…

Stöbert man ein wenig im Internet, so werden auch zahlreiche Branchen aufgezählt die nicht als Value Investment taugen. Beispielsweise Warenhäuser, IT, Rohstoffe, Automobilbranche, Luftfahrt, Energiebranche etc.

Als hervorragende Value Investments werden dagegen Unternehmen wie z. B. McDonald und Coca-Cola genannt. Sollte es wirklich so einfach sein? Muss man einfach nur 50% seines Portfolios in Burger und die restlichen 50% in Getränke investieren?

Schließlich hat Buffett auch mal gesagt:

Das Risiko streuen müssen nur Investoren, die nicht wissen was sie tun.“

Für mich klingt das absurd. Ich denke man kann diese Definition etwas anders interpretieren. Das Kernproblem dass damit erschlagen werden soll, ist doch eine mangelhafte Prognosefähigkeit der zukünftigen Geschäftsentwicklung. Branchen die sich bzw. ihre Produkte ständig neu erfinden müssen oder schwer zu durchschauende Geschäftsmodelle haben, fallen damit schon einmal weg. Bei IT, Mode, Autos und Luftfahrt würde ich weitestgehend zustimmen. Ich würde auch noch ein paar Branchen hinzu zählen, z. B. Banken (insbesondere Investmentbanken). Wegen der starken staatlichen Eingriffe könnte man in unserer Zeit auch (europäische) Energieversorger dazu zählen.

Eine Adidas würde damit nie zum Value Investment werden, egal wie groß Kurs und Wert auseinander klafft. Wer kann schon sicher den Geschmack der Kundschaft für die nächsten 10 Jahre prognostizieren? Dazu kommen weitere Faktoren wie z. B. die Entwicklung der Löhne in den Produktionsländern, die Ladenmieten und Gehälter der Verkäuferinnen in den Absatzländern, eventuelle Auflagen hinsichtlich gesundheitsschädlicher Stoffe bei der Produktion (bzw. der Restwert im Produkt), die Innovationskraft der Konkurrenz, die Kaufkraft (und Kaufwillen) der Zielgruppen, Zölle, eventueller Preiskampf, usw.

Hier müsste man so oft ins Blaue raten, dass es mehr Spekulation als Value wäre.

Von der IT Branche will ich gar nicht erst reden. Es gibt immer wieder Anleger die glauben ein zweites Google, Apple oder MS gefunden zu haben und freuen sich riesig zu einem niedrigen KGV von 25 gekauft zu haben. Der Buchwert von 10 ist irrelevant, sondern nur die 2-stellige Wachstumsrate in der Vergangenheit zählt. Auch eine hohe Verschuldung ist nicht weiter relevant, schließlich wächst der Gewinn so schnell, dass später alles leicht zurückgezahlt werden kann. Bei so einem Schuss ins Blaue braucht man natürlich auch ein Depot mit 30+ Titeln, um mal so nebenbei 5 Nieten verkraften zu können.

Trotzdem könnte es innerhalb einer komplizierten (oder gar komplexen) Branche ein Value Investment geben. Beispielsweise wenn ein Unternehmen eine Nische besetzt hält oder auf Grund langjähriger Produkthistorie eine gewisse Vorreiterrolle inne hat. Durch die Nische könnte der Innovationsdruck geringer sein als im Rest der Branche und mit gewisser Zeit gibt es vielleicht auch eine Qualitätsführerschaft. Neue Mitbewerber dürften es dann schwer haben hier einzufallen (die bekannte Suche nach dem Burggraben).

Bei den Rohstoffen bin ich geteilter Meinung. Natürlich ist es enorm riskant wenn ein Unternehmen nur von dem Preis eines oder einiger Rohstoffe abhängt. Zwar könnten sich hier bei stark fallenden Preisen auch Value Investments finden lassen. Insbesondere jene Firmen, die eine Kostenführerschaft inne haben und damit fallende Preise besser verkraften als andere Produzenten. Trotzdem bleibt es reine Spekulation ob der Rohstoffpreis wieder auf seinen alten Stand zurück kehren wird (und das anvisierte Unternehmen den Bärenmarkt überlebt, inkl. Kursexplosion).

Und jetzt kommt das aber. Bestimmte Rohstoffe laufen nach dem klassischen Schweinezyklus ab. Wenn man all zu große staatliche Eingriffe, langfristige Preismanipulationen (z. B. durch Hedge-Fonds und Investmentbanken) und Substitute weitestgehend ausschließen kann, dann sollte auch hier einem Investment nichts im Wege stehen. Dazu ist eine Menge Wissen über die Branche und die Preisbildung nötig, um diese Annahmen auch sicher treffen zu können.

Wäre dem nicht so, würde Buffett wohl kaum Unternehmen wie GM, Wal-Mart, Suncor Energy und IBM im Portfolio haben. Also genau die Branchen die er vorher (indirekt) ausgeschlossen hat und welche landläufig nicht als Value Investments gelten.

Denn genau genommen sind auch McDonald und Coca-Cola nicht unfehlbar. Kann man denn völlig ausschließen, dass sich kein Trend in Richtung gesunde Ernährung durch setzen könnte? Oder kann man völlig einen Hygiene-Skandal wie bei Burger King ausschließen? Das betrifft nicht nur ein paar Filialen, sondern der ganze Ruf ist dann dahin. Was wäre wenn eine staatlich verordnete Nährwertampel käme, wodurch Pommes, Burger und Cola mehr gemieden werden? Ist es überhaupt möglich den Geschmack der Burgerfreunde für die nächsten Jahre zu prognostizieren, analog zu den selben Prognoseproblemen in der Mode oder Automobilindustrie? Schließlich könnten die Burger bei Wendy’s vielleicht in Zukunft besser bei den Konsumenten ankommen. Oder ein neuer Anbieter setzt voll auf den Öko-/Fair-Trade-Trend. Wenn McDonald ein sicheres Investment ist, müsste man dann Weight Watchers ebenfalls kaufen oder eher shorten?

Zu guter Letzt bleiben auch andere Prognoseprobleme wie z. B. die Geschicke des Managements in neue Märkte (Länder) zu expandieren, zuverlässige und günstige Lieferanten zu finden/zu behalten, die Rohstoffpreise, die Wechselkurse usw.

Worauf es also ankommt ist, den eigenen Kompetenzbereich richtig einzuschätzen und nicht zu verlassen. Was aber nicht heißen soll, dass bestimmte Geschäftsmodelle für immer verschlossen bleiben, nur weil man aktuell keine Kenntnisse hierzu besitzt. Mit genug Zeit und Hartnäckigkeit ist denke ich jeder in der Lage sich in eine neue Branche einarbeiten zu können. Solange man nur oft genug seine Annahmen hinterfragt, läuft man auch nicht Gefahr unbewusst nach dem Bauchgefühl zu investieren. Ohne Bauchgefühl ist es dann auch nicht mehr nötig einen großen Korb von Einzelttiteln zu halten. Oder gibt es hier wirklich private Value Investoren die pro Quartal 30 oder mehr Geschäftsberichte lesen?

Über reichlich Kommentare würde ich mich freuen.

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