Dauernd schaue ich in mein Depot! Bin ich verrückt?

Wieder einmal bekam ich eine Mail von Thomas. Aufgrund der Relevanz des Themas möchte ich meine Antwort hier veröffentlichen.

Es geht um die beiden Themen:

Ich checke täglich mein Depot; ist das noch normal?

Was tun bei überbewerteten Aktien im Depot (evtl. Stop-Loss)?

Wie oft schaue ich in mein Depot?

Also als ich mit Aktien angefangen habe sehr oft. Jeder gewonnene Prozentpunkt war ein Sieg und jeder verlorene Prozentpunkt eine Niederlage. Dies liegt wohl anfangs in der Natur der Sache und solange man vor lauter Eifer nicht voreilig irgend eine Aktie kauft oder verkauft ist das ganze auch kein Problem.

Das Ganze hat wirklich etwas faszinierendes und ich sehe mir auch gerne meinen Besitz an. Das entspricht einem Gutsbesitzer, der sein Anwesen abstreift oder der Fabrikant, der durch seine Firma schlendert. Mir persönlich macht es einfach Spaß mein Eigentum zu inspizieren.

Einschub / Nun weiß ich nicht, ob dies daran liegt, dass ich von meiner Mutter her schwäbisches Blut in mir habe oder ich schlicht ein übergroßes Sicherheitsbedürfnis habe. Auch gibt es da ja so ein darwinistisches Erklärungsschema nach dem das Sammeln und Anhäufen von Eigentum bei gewissen Menschen stark ausgeprägt ist. Dies liegt wohl einfach daran, dass wir schlicht nicht immer in Zeiten gelebt haben, in denen man sich um Grundbedürfnisse wie Nahrung oder Unterkunft keine Gedanken machen musste. Genau wie in der Steinzeit der Starke überlebt hat und dies weitergab hat es sich wohl auch mit dem Sammler und seinen Nachkommen zugetragen. Die Nicht-Sammler sind wohl schlicht im Winter verhungert.

So ein paar Anzeichen hätte ich bei mir dafür, dass ich ein Sammler (meine Schwester nennt das Geiz) bin. Wenn ich zum Beispiel mit einem Freund auf einem Parkplatz um herlaufe, ist dieser eher von den neuen Autos fasziniert und schwärmt davon was diese gerade kosten. Bei mir richtet sich die Faszination eher auf schon ein wenig ältere schicke Autos, die vielleicht nur noch ein paar Tausend Euro wert sind, die aber noch gut dastehen und technisch gut gepflegt sind. Auch habe ich überhaupt kein Problem mit gebrauchten Gegenständen, wenn sie noch funktionieren und günstig sind. Gebrauchsgegenstände werden also stark nach der Kosten/Nutzen Relation gekauft um bloß nicht das bereits Gesammelte dafür aufwenden zu müssen.

Also hat das Einsehen des Depots wohl oft mindestens zum Teil diese Komponente und wenn Du regelmäßig in dein Depot schaust und dich einfach still freust weil dir ein Teil eines Unternehmens gehört, dann kannst Du ja jetzt selber einmal darauf schließen wie Du so tickst ;) .

Um konkret zurück zur Frage zu Kommen: Ja, auch ich schaue manchmal mehrmals täglich in mein Depot (oft auch aus Langeweile). Inzwischen ist mir der Eurobetrag jedoch ziemlich egal und ich freue mich eher über die Stückzahl meiner Aktien. Dies liegt wohl daran, dass ich weiß wie ungerechtfertigt oft kurzfristige Kursbewegungen sind und was bei einem international differenzierten Portfolios Währungsschwankungen ausmachen.

Stop-Loss Ja oder Nein?

Bei den meisten Brokern kann man ja eine Stop-Loss Order eingeben, die den Anleger vor großen Verlusten schützen sollen. Persönlich mache ich so etwas nicht. Früher als ich mal ein wenig mit kurzfristigen Optionsscheinen und Co gespielt habe, habe aber auch ich dies genutzt, weil sonst die ganze Sache einfach sehr schnell dicke nach hinten los gehen kann.

Als Value Investor oder Langfristinvestor kann die Idee hinter dem Stop-Loss zum Boomerang werden. Seien wir ehrlich: jede Aktie könnte plötzlich enorm an Kurswert verlieren. Vielleicht macht die Finanzpresse mit Absicht viel negativen Wirbel um die sogenannten schwachen Hände abzuschütteln oder irgend ein größerer Aktionär hat in einer Schnapslaune beschlossen seine Papiere auf den Markt zu werfen.

Nehmen wir also an: ich kaufe eine Aktie zu einem KGV von 14 und in der Regel handelt die Aktie in einem historischen Spielraum zwischen 12 und 16 ich und gehen von einem Gewinnwachstum in den kommenden Jahren aus. Jetzt habe ich die Aktie also heute zum KGV 14-Kurs erworben und morgen kommt ein größerer Kursrutsch. Es hat sich für mich nichts verändert, solange es für den Kursrutsch nicht wirklich harte Gründe wie einen Bilanzskandal oder ähnliches gibt. Die Aktie wird in der Zukunft mehr wert sein als aktuell und dies zählt. (Empfehlung Geschäfte laufen gut, der Kurs sinkt. )

Mein Langzeitinvestment verkaufen, weil es im Moment zu hoch gehandelt wird?

Nehmen wir an eine Aktie wurde von mir für 20 € gekauft und damals fand ich den Kurs gut und jetzt steigt sie plötzlich innerhalb relativ kurzer Zeit auf 60 € und zu diesem Kurs finde ich die Bewertung absurd hoch. Nun kommt wieder das Stop-Loss ins Spiel, sollte ich bei dieser überbewerteten Aktie ein Stopp-Loss bei z.B. 55 € setzen, um bei einem Abkühlen der Euphorie dennoch etwas von dieser gehabt zu haben.

Diese Frage hat eine steuerliche und eine Erfahrungswert- Komponente. Ist Dein Steuerfreibetrag ausgeschöpft oder nicht. Wenn nicht zahlst du beim Verkauf zu 60 € und einem Anschlusswert von 20 € auf einen Schlag 10,55 € an Steuern und Soli.

Die langfristige Betrachtung vieler langfristig erfolgreichen Investoren zeigt, dass diese auch in Zeiten von Überbewertungen nicht verkauft haben. Hier würde ich einfach auf den Erfahrungswert setzten, dass die treuen Aktionäre meist über die Jahre (oder auch über die letzte Dekade) doch noch besser gefahren sind als die Meisten von denen, die dauernd aus und eingestiegen sind.

Anders sieht es natürlich bei Aktien aus, die man nur gekauft hat um von der Euphorie zu profitieren. Auch das Alter könnte eine Rolle spielen; wer keine Erben hat und schon 80 Jahre alt ist… macht sich lieber noch ein paar schöne Jahre.

Frag mich diese Frage noch einmal in Zeiten absurder Überbewertungen, dann ist meine Antwort wahrscheinlich weniger altklug ;) .

15 Gedanken zu “Dauernd schaue ich in mein Depot! Bin ich verrückt?

  1. Ich schaue auch täglich in mein Depot! Ich halte nicht viel von stop loos liegt aber auch daran das ich viele marktenge Titel habe wo so etwas schnell tödlich ist. Was uberbewertung angeht hab ich eine etwas andere Meinung bei leichter uberbewertung wie bei meinen yum Brands letztes Jahr verkaufe ich nicht, kaufe aber auch nicht mehr zu. Bei krasser uberbewertung also z.b. Coca Cola kgv 40 würde ich verkaufen, vorallem wenn vergleichbare Aktien günstig bewertet sind, leider sind meistens alle Aktien gleichzeitig überbewertet da muss man dann auf Anleihen oder cash ausweichen.

    • Der Sektorswap ist sicherlich auch manchmal angebracht. Bin mal gespannt was passiert, wenn irgendwann die Zinsen wieder steigen und dadurch die Anleihenkurse purzeln…

  2. Grundsätzlich sollte man sich bewusst machen, dass man sich an einem Unternehmen beteiligt, nicht bloß Aktien kauft. Wenn Aktien jedoch eine deutlich zu hohe Bewertung aufweisen, sollte man auch mal verkaufen. Dabei reicht sicherlich nicht, nur auf das KGV zu schauen, sondern auch auf die Wachstumsaussichten, das Kurs-Umsatz-Verhältnis oder das Kurs-Buchwert-Verhältnis usw. Und auf die Dividendenrendite. Denn handelt es sich um ein Unternehmen, das eine attraktive Dividende ausschüttet, kann man eine längere Durststrecke beim Kurs besser aussitzen, als wenn es keine Dividende zahlt.

    • Sehe die Dividende auch als wichtigen Faktor. Die Dividende ist nämlich ein wichtiger Faktor für Investoren an Bord zu bleiben. Dies ist wohl auch ein Grund warum Dividendentitel oft bessere Kursentwicklungen besitzen als Nicht-Dividendenzahler.

      Viele Unternehmen setzten heute sogar auf recht rasche Dividendenzahlungen nach dem Erzielen regelmäßiger Gewinne. Wen ich mir alte Berichte zu Aktien ansehe war die Dividende vor einigen Jahren ziemlich verspottet, da dem Management schlicht Ideenlosigkeit vorgeworfen wurde.

  3. Hallo,
    zum Thema Stop-Loss.

    Ich denke man sollte sich grundsätzlich eine Strategie aufbauen, bevor man in ein Unternehmen investiert und die Aktie kauft. Somit braucht man sich auch um das Thema Stop-loss kein Gedanken mehr machen.
    Diese könnte folgendes enthalten (natürlich kann jeder seine eigene Strategie habe).
    1. Warum möchte ich diese Aktie kaufen (tolles Produkt, tolles Management, tolle Zahlen, Dividende …)
    2. Wenn ich jetzt zum Preis X einsteige, wann möchte ich es verkaufen (weil es eine andere bessere Investitionsmöglichkeit gibt). Sobald der Kurs den beim Einstieg festgelegten Verkaufskurs erreicht, kann man sich das Unternehmen nochmals anschauen. Würde ich zu dem aktuellen Preis wieder diese Aktie kaufen oder gibts vergleichbare Unternehmen, die günstiger bewertet sind?
    3. Jeden Tag reinschauen ist nicht unbedingt gesund. Man sollte auch sich und seiner getroffenen Entscheidung vertrauen. Das auf und ab kann zu Entscheidungen führen, die nicht fördernd sind. Stell Dir mal vor du wärst ein Unternehmer, stellst einen GF ein und schust Ihm jeden Tag über die Schultern. Ich denke der GF wird bald das weite suchen. Du musst auch Vertrauen lernen (siehe Buffett)

    Es gibt natürlich mehr Punkte, die man berücksichtigen kann. Fakt ist, dass jeder eine Strategie haben sollte, bevor er loslegt.
    Vielleicht sollte sich der eine oder andere mal fragen, warum er immernoch Single ist und es mit einer Freundin nicht klappt :-))

    • Die Strategie ist wichtig. Man sollte sich vor dem Kauf einer Aktie gründlich Gedanken machen, ob man ihr längerfristig traut oder nicht.

      Vertrauen ist eine ganz wichtige Sache. Faktisch finde ich ja zu jedem Unternehmen kritische Stimmen, es gilt aber nicht gleich der Panik zu verfallen, sondern gründlich zu Überlegungen ob die Negativschlagzeile langfristig wirklich eine negative Beeinträchtigung darstellt.

      Warum bin ich eigentlich Single ??? ^^

      • “Warum bin ich eigentlich Single ??? ^^”

        Entweder armer Student oder keine Strategie :-)). Auch hier gilt (wie beim Valueinvesting), nicht vom Äußeren blenden lassen :-)

  4. Ich glaube, ich wurde und werde beim Stopp-Loss Thema gerne falsch verstanden.
    Es geht um keine Absicherung nach unten, wenn man eigentlich eher zukaufen sollte, sofern man sich vorher richtig informiert hatte. Es geht lediglich darum, dass man, wenn man man sich irgendwann entschließt, seine Unternehmensanteile wieder zu verkaufen, man zu diesem Zeitpunkt auch ein Stopp setzen kann, statt es direkt zu verkaufen.
    Getreu nach dem Motto: Ich gebe mein Investment zum aktuellen Marktpreis auf, aber wenn jemand in den kommenden Tagen/Wochen mehr dafür zahlen will, sagt doch kein Investor nein. D.h. man zieht dann eben (wie es in manchen anderen nicht value-strategien üblich ist) das Stopp noch so lange nach, bis es eben dann nicht mehr geht.
    Ich denke, nur weil andere Strategien das Stopp-Loss als Fundament haben, muss ich als Value Investor auf diese Zusatzchance doch nicht aus trotz verzichten…? Oder liege ich da falsch? (Das Konstrukt Trailing-Stopp automatisiert das ganze sogar noch und zieht automatisch nach, wenn der Marktpreis noch nach oben geht)

    • Hey Thomas,

      wenn die Entscheidung des Verkaufs schon gefallen ist, sich die Aktie aber noch im Aufwärtstrend befindet, dann macht es im Prinzip sinn den Trend weiter zu spielen und mit dem automatisch nachziehenden Stopp Loss den Trend bis zu einem gewissen Knick weiterzuspielen. “The trend is your friend until it ends ”

      Also ich sehe jetzt nichts was dagegen sprechen sollte. Wann ein Trend langfristig wirklich endet weiß man eben auch erst hinterher. Irgendwann muss man aber zu der Entscheidung kommen. Am neuen Markt sind sicherlich viele furchtbar verbrannt weil sie zulange auf eine Fortsetzung des Trends gesetzt haben.

      Es gibt ja auch Anleger, die bewusst in Trends hereinkaufen (ohne Fundamentaldaten zu berücksichtigen). Dies würde ich jedoch nicht machen, es geht beim langfristigen Anlegen nämlich oft mehr um das Vermeiden von Verlusten und nicht so sehr um die schnelle Erzielung von Gewinnen.

  5. Interessante Frage. Ich schaue zwar fast jeden Tag in mein Postfach ob von seekingalpha interessante Artikel vorgeschlagen werden, und lese diese wenn sie interessant klingen, aber nur so einmal in der Woche gucke ich mal nach dem Depotgesamtwert, einmal im Monat schreib ichs genauer auf und trage das Ganze fein säuberlich in eine Exceltabelle ein (passiert aber auch mal mit etlichen Tagen Verspätung).

    • Auch ein seekingalpha Junkie ;) . Seeking Alpha ist echt super und auch die Kommentare überfliege ich immer wieder gerne.

      Schade, dass es so etwas in Deutschlang nicht gibt. Glaube aber kaum, dass ein solche großes Projekt in Deutschland überhaupt genug Autoren fände.

    • und wenn man dann noch lesen darf, dass das Unternehmen der Wahl (in meinem Fall heute die MüRü) die Dividende um 12% erhöht, ist der Abend gerettet… :)

  6. Hab gestern in mein Depot geschaut nach 4 Monaten und was sehe ich???? OMG
    Meine Drecklle eh Apple Aktie ist gefallen von 700€ auf 450€, jetzt muss ich meinen Citroen XM verkaufen, dank deiner Aktientipps :-(

  7. Kann dir in allem eigentlich nur zustimmen – erschreckend finde ich allerdings, dass es mir bei den Autos zu 100 % so geht wie dir :-)

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