Die unterschätze Aktienkennzahl Beta oder wie bleibe ich cool

Eine Aktienkennzahl, die eigentlich keine ist, ist das Beta. Der Zahlenwert des Beta sagt aus wie stark der Kurs einer Aktie mit der Kursentwicklung des Vergleichsindizes mitgeht.

Ein Beta von 0 sagt aus, dass ein Aktienkurs überhaupt nicht mit dem Vergleichsbenchmark und dem Aktienindize mitgeht. Um zu mehr die Zahl ins positive geht, umso mehr Einfluss haben Marktstimmungen und die damit folgende Volatilität der Märker Einfluss auf den Aktienkurs. Woran die liegt hat sicherlich verschiedene Gründe. Klar, konjunkturell abhängige Zykliker haben natürlich meist ein höheres Beta als die Aktie einer Bierbrauerei. Da der Aktienmarkt und der Stand von Dax und Dow Jones nach wie vor als Benchmark für die gesamtwirtschaftliche Lage genutzt wird gehen natürlich Aktien, die stark von der wirtschaftlichen Stimmung beeinflusst werden, hier stark mit. Ja, man kann sich sicherlich darüber streiten, ob ein Aktienindex ein guter Indikator für die wirtschaftliche Verfassung ist 😉 …

Konkret: Henkel hatte die letzten 250 Tag ein Beta von 0,57 und Siemens eines von 0,82 (Quelle: Börse Frankfurt). Der Kurs einer Siemens-Aktie bewegt sich also wesentlich stärker mit dem Markt mit. Es liegt sicherlich nicht nur an der Branche. Ein niedriges Beta kann natürlich teilweise auch auf eine recht unbesorgten und langfristig agierende Aktionärsstruktur schließen lassen oder die fundamentalen Daten eines Unternehmens sind schlicht so stark, dass sich niemand traut gegen die Firma zu wetten.

Woran es nun liegt ist wohl bei den einzelnen Unternehmen verschieden. Es gibt sicherlich auch irgendwelche Maschinenbauer, bei denen 90 % der Aktien bei irgend einem Erben liegen, der von seinem Besitz gar nichts weiß und deswegen schwankt der Kurs nicht, da er einfach überhaupt nicht agiert.

Ist das Beta einer Aktie überhaupt wichtig?

Diese Frage muss jeder für sich selbst beantworten. Für mich ist sie wichtig, viele andere werden mich jetzt vielleicht auslachen; da das Beta eigentlich wenig über Potentiale oder harte Unternehmenskennzahlen aussagt.

Die Wichtigkeit des Beta liegt für mich einfach darin, dass ich diesen vielleicht naiven Traum habe vieler meine Aktienpositionen noch Jahre zu halten und nach und nach immer „reicher“ oder besser gesagt mit einem höheren Depotwert morgens aufzuwachen. Nun wird ja in Aktienblogs viel darüber gesprochen wie toll es eigentlich für Aktien, trotz EU-Schuldenkrise und Co, steht. Mehr Menschen, eine weltweit wachsende Mittelschicht…

Da sich an dieser Entwicklung wohl auch noch viele Jahre nichts ändern wird und wir wohl allein schon aufgrund der Populationsentwicklung auf unserem Planeten noch sehr viele Jahrzehnte positive Vorzeichen für Aktien haben bleibe ich als der größte Feind meiner Strategie übrig.

Ehrlich, ich habe hier auch schon oft geschrieben: „Schaut nicht zu oft auf die Kurse, es bringt gar nichts oft den Wert der Aktien im Depot zu überprüfen!“. Schaffen tue ich dies auch nicht und ich erwische mich immer wieder, wie ich bei onvista oder yahoo den Namen meiner Aktie eingebe und mich dann idiotisch darüber freue wenn es 0,275 % nach oben geht. Würde der Kurs meiner Aktie plötzlich 10 % nach unten schießen, würde mir, wie bei den meisten anderen Anlegern, auch der Schweiß auf die Stirn schießen und meine Nervosität würde schlagartig steigen.

Habe ich etwas verpasst? Wurde gerade ein Insolvenzantrag gestellt und mein Geld verpufft? Es gibt gar keine Meldung, warum schmiert der Kurs so ab? Bestimmt weiß irgend ein Insider oder Großaktionär mehr. Besser ich steige auch aus bis sich zeigt was hier los ist…

Und schon hat man verkauft. Nun versucht man als Mensch natürlich jede seiner Handlungen positiv zu sehen um sich selbst zu bestätigen. Damit der Verkauf also gut war, wartet man ab und will die Aktie dann wieder tiefer einsammeln als zum eigenen Verkaufskurs. Die Aktie steigt aber, man sieht ein falsch gehandelt zu haben und zieht zu einem anderen Aktienwert weiter, der derzeit günstiger erscheint. Mein toller Langzeitwert ist also ausgebucht; ich habe wieder Geld für die Orderausführungen berappt und ich kann mit meiner tollen Langzeitaktie in 10 Jahren auch nicht mit einem Grinsen im Gesicht morgens aufwachen.

Ja, dieses Verhalten ist blöd; aber was soll ich machen? Für mich sind 10% meines eingesetzten Kapitals ein Haufen Geld. Wäre ich Milliardär wäre mir das „vielleicht“ egal und ich wüsste gar nicht wie viel Geld ich habe, da sowieso eh immer genug da ist.

Wenn Sie jetzt denken, ich wäre eben auch extrem ängstlich und wohl kaum ein gutes Beispiel für Ihr mögliches Verhalten sein, nehmen wir das Beispiel 2008 / 2009. Wie viele Anleger haben hier ihr Aktien zu Tiefstkursen verkauft, sind nicht wieder eingestiegen und sitzen bis heute auf Verlusten. Auch wenn es keiner zugibt, sicherlich noch recht viele. Klar, damals war Panik, die Kurse schienen ins Bodenlose zu plumpsen und rund um die Uhr brachen Horrormeldungen um Banken, Firmen und Aktienentwicklungen auf uns ein. Im Nachhinein ist man immer schlauer und rückblickend hätte man natürlich 2009 all in gehen sollen.

Daher ist das Beta für mich eine doch recht wichtige Zahl, denn ich weiß, dass ich bei einem niedrigen Beta das manchmal extrem Auf und Ab des Gesamtmarkts sehr wenig Einfluss auf meinen Depotwert hat und ich so schon einmal das potentiell eigene Panikverhalten begrenzen kann. Merke: Niedriges Beta und meine Rationalität bleibt schön im Vordergrund 😉 .

8 Gedanken zu “Die unterschätze Aktienkennzahl Beta oder wie bleibe ich cool

  1. Der Betafaktor beschreibt, wie stark eine Aktie im Verhältnis zum Gesamtmarkt schwankt. Typischerweise sollten Valueinvestoren also Aktien mit niedrigen Betas favorisieren – doch hier habe ich so meine Probleme mit dieser Kennzahl. Denn entscheidender Einflussfaktor für den nachhaltigen Erfolg an der Börse ist ja nicht nur die Auswahl der richtigen Unternehmen, sosndern auch ein möglichst günstiger Einstiegskurs. Und wenn ich Aktien mit hohen Betas kategorisch ausschließe, belnde ich auch die großen Chancen aus: Top-Unternehmen, die vorrübergehend in Turbulenzen geraten sind und vom Markt übertrieben abgestraft werden. Und gerade diese Aktien sind die Top-Picks für ein langfristiges Value-Depot. Eine GE, die 2009 rasant abstürzte, eine BP nach der Öl-Katastrophe im Golf usw. Die weisen aufgrund der panikartigen Verkäufe hohe Betas auf, sind aber gerade wegen dieser Übertreibungen nun besonders interessant für Langfristanleger.

    Daher messe ich dem Beta keine übergeordnete Bedeutung zu. Ich schaue es mir an und wenn eine Aktie ein hohes Beta aufweist, ohne dass es eine Extremsituation gibt, dann bewerte ich das für mich als negativ. Liegt aber eine Ausnahmesituation vor, schreckt mich ein hohes Beta nicht – da schaue ich gerne genau hin und wenn ich glaube, dass das Unternehmen nur vorrübergehende und nicht exestenziell bedrohliche Probleme hat, dann winkt auf lange Sicht eine verlockende Einstiegschance.

  2. @Michael: Gut die andere Seite der Medallie gezeigt, klar immer mach ich das auch nicht.
    Dennoch ist das Problem eben oft, dass Menschen ihre Aktien zu früh verkaufen, was eben daran liegt, dass man immer denkt: ich komm noch mal günstiger rein (was eben bei volatilen Aktien eher der Fall ist).

    „Hin und her macht die Tasche leer“; dies ist bei vielen Anlegern kein zu unterschätzendes Problem.

  3. Richtig, man hat bei Vielen das Gefühl, die gehen nach dem Motto ran: „ich kauf jetzt mal die blaue Aktie“ und dann hoffen sie, dass die sofort anfägt zu stiegen und nicht mehr aufhört. Das ist wie im Casino, wenn man alles auf Rot oder Schwarz setzt. Dabei sollte man immer nur dann Geld in Unternehmen investieren, wenn man bereit ist, dessen Aktien 5 Jahre oder länger zu behalten (sofern nicht eine Sondersituation, wie eine drohende Pleite o.ä. eintritt). Wenn man seine Aktien mit der für eine solche Entscheidung erforderlichen Sorgfalt auswählt, muss man nicht täglich den Kursen hinterherhecheln und ständig auf der Suche nach der neusten gepushten Aktienrakete sein. Oder man sollte den Kauf von Aktien ähnlich angehen, wie den Erwerb eines neuen PCs, eines neuen Autos oder eines neuen Fernsehers. Da machen sich viele Leute nämlich echt Gedanken und lesen Testberichte, quälen sich durch endlose Bewertungen in Vergleichsportalen. Aber bei Aktien? „Jetzt kauf ich mal die grünen Aktien und die blauen schmeiß ich wieder raus“…

  4. Entscheidend für die Nerven des Investors ist doch das Beta nach dem Kauf nicht vor dem Kauf. Wenn ein Unternehmen sehr sehr günstig ist im Vergleich zum Markt, dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass es sich in absehbarer in eine andre Richtung bewegt als der Markt ziemlich wahrscheinlich. Besitzt man gleich einen ganzen Korb solcher Papiere (so 10-15 sollten reichen), dann wird man auf die Dauer ganz passable Ergebnisse erzielen…

  5. wie bleibe ich cool???
    Ich kann nicht cool bleiben. Mir steht das Wasser bis zum Hals. Ich habe viele geschafft aber wenig Umsatz. Ich bin am Arsch in Mainhatten. Frankfurt am Main. Ich bin am Arsch.
    Kann mir jemand 10.000 € Vorschusses leihen damit ich über den nächsten Monat komme?

  6. Wenn ich den Artikel nochmal durchlese habe ich meinen Kernpunkt nicht gut rausgearbeitet. Es ging mir eigentlich um Aktien, die generell ein niedriges Beta haben und nicht um Aktien, die nur gerade ein niedriges Beta haben. Gerade für Anfänger halte ich Aktien, die sich nicht groß bewegen ,egal ob die Börsen gerade gut oder schlecht laufen,( langsam aber stetig nach oben ohne Ausbrüche nach oben oder unten) für am sinnvollsten.

    • Wenn der Gesamtmarkt um 25% einbricht und meine Einzelaktie ebenfalls, weist sie ein beta von 1 auf – also marktidentische Performance. Das macht sie aber nicht alleine deshalb zu einer schwankungsarmen Aktie. So zuletzt geschehen im Herbst 2011 oder im März 2012, als diese Konstellation bei vielen Aktie auftrat.

      • Du hast ganz klar recht! Es ging mir aber mehr um Aktien die durchgehende niedrige Betas haben. Spontan fällt mir hier wieder General Mills ein, die Aktie hat generell im ein niederiges Beta; ob Börse steigen oder fallen. In den letzten 12 Jahren wars oft ein auf und ab, vielleicht ändert sich dies und General Mills verliert dadurch sein andauerndes niedriges Beta.

        Mit solchen langweiler Stocks sind aber sicher einige Anleger (vor allem die mit schwachen Nerven) die letzten 11 Jahre aber sicher besser gefahren als viele, die durch Kaufen und Verkaufen den schnellen Euro machen wollten.

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