Vom Exportüberschuss, Leiharbeit und Zuschussrente

Gerade entdecke ich im Internet eine interessante, wenn auch nicht neue Meldung, der Export brummt. Laut Financial Times Deutschland soll der Leistungsbilanzüberschuss Deutschlands in diesem Jahr auf 210 Milliarden US$ gewachsen sein. Die Meldung vom deutschen Exportwunder wird aber nicht, wie in früheren Zeiten, auf breiter Front gefeiert, sondern wurde in den vergangenen Stunden eher weniger diskutiert.

Zum einen hat sich in der Eurokrise gezeigt, wie katastrophal, in einer zusammenwachsenden Welt mit starker wirtschaftlicher Abhängigkeiten, wirtschaftliche Ungleichgewichte auf die Dauer sind. Laut neuerer EU-Planung ( dem Frühwarnsystem ) soll Deutschland jetzt eventuell wieder einen bösen Brief aus Brüssel bekommen. Früher gab es ja aufgrund des Nichteinhaltens der Verschuldungs-Klausel im Maastricht-Vertrags öfter einen bösen Brief. Die festgelegten Schuldenregeln aus den 90ern wirken heute aber irgendwie stark angestaubt und sind nicht einmal eine Randmeldung in der Zeitung wert…

Der neue böse Brief würde nun also aufgrund des hohen Außenhandelsüberschusses ausgestellt. Schuld ist wie immer die geringe Binnennachfrage. Sprich der Deutsche stellt zu viel, zu günstig her und konsumiert selbst zu wenige Waren (aus dem Ausland).

Tut mir leid, wenn ich nun wieder die alte Leier von Arm und Reich anfange und die gesellschaftlichen Verteilung anspreche, aber sie muss doch geführt werden. Obwohl Deutschland anscheinend weltweit mit der erfolgreichste Marktteilnehmer ist merke ich in Deutschland nichts von Aufschwung XXL. Zwar sehe ich, dass zumindest in meiner Süddeutschen Heimatstadt Firmen anbauen und protzige Fassaden errichten; vom allgemeinen Aufschwung der Menschen kann ich aber nichts beobachten.

Viel mehr sehr ich immer mehr Transporter herumfahren, die Leiharbeiter zu ihrer temporären Arbeitsplatz bringen und sich Studien-Absolventen von Praktikum zu Praktikum hangeln. Für mich persönlich steht gesellschaftlich und wirtschaftlich eines fest: Eine gesunde Gesellschaft und Wirtschaft braucht einen breiten Mittelstand. Um so weniger Menschen sich im sogenannten Prekariat befinden um so besser.

Sicherlich, rein rechnerisch wächst der Wohlstand in Deutschland. Oder besser gesagt, die Armen werden ärmer und die Wohlhabenden werden wohlhabender. In Zeiten niedriger Zinsen und einer wirtschaftlich schwierigen Zeit könnten natürlich auch die Wohlhabenden lediglich gleich ober leicht ärmer werden während die Armen mit noch erheblich weniger dastehen.

Eines ist klar: Von Menschen, die von Hartz IV leben oder mit Leiharbeit nicht einmal die 1000- Euro-Verdienstgrenze knacken sind sicherlich keine Nachfrageschübe zu erwarten. Von dem Rest der Bevölkerung übrigens auch nicht. Auch die Teil des Mittelstandes, die ich jetzt nicht als reich, aber doch finanziell solide erachte, halten sich zunehmend zurück. Man ahnt, dass das was sich in Südeurope abspielt auch für die hiesigen Lebensumstände nicht ohne Folgen bleiben wird. Also wird das Geld zusammengehalten. Konsum und Investitionen: Nein Danke.

Wer nun daran Schuld ist? Gute Frage- wie immer alle und keiner. Ist es die Politik, die viele Probleme nicht sehen will oder gar kann? Ist es die untätige Bevölkerung, die zulange zugesehen hat, da sie selbst vom Staat profitiert. Sind es die Reichen, die gierig die Mittelklasse ausquetschen. Vielleicht ist es auch die Zeit? Wie ein Goldpreis oder ein Aktienkurs wird auch eine Gesamtwirtschaft nicht endlos auf einer Steigungsgeraden Richtung Norden gezogen. Einbrüche gehören dazu und es kann dauern bis es dann aus einer Mischung von technischem Fortschritt, äußeren Einflüssen, gesellschaftlich-politischem Willen und Tatkraft wieder nach oben geht.

Auf schnelles Wachstum und einer Partizipation breiter Teile der Gesellschaft glaube ich in absehbarer Zukunft nicht. Zwar klingen schöne Formeln, wie der Dauerbrenner Energiewende, im Raum. Im Moment scheint hier aber das erste Strohfeuer abgebrannt und der einstige Hoffnungsträger Solar scheint erst einmal das Beste hinter sich zu haben. Für ein Mammutprojekt, wie die Energiewende, ist viel mehr Geld und Wille notwendig als ich ihn bis jetzt erkennen kann.

Auch Von der Leyens New Deal mit Plänen von männlichen Erziehern und millionenfacher Zuschussrente erinnern an verzweifelte Flickversuche. Nur am Rande: Wollten Sie als Mann, in Zeiten übersensibilisierter Eltern, täglich mit kleinen Kindern, noch dazu mit Mädchen, zusammenarbeiten? Dies natürlich noch zu einem Gehalt, mit dem sie dann sicherlich auch noch in den Genuss der Zuschussrente kommen?

Hoffentlich habe ich Ihnen jetzt nicht den Tag verdorben. Aber denken sie daran: Seien Sie stets Pessimist, um dann positiv überrascht zu werden 😉 .

4 Gedanken zu “Vom Exportüberschuss, Leiharbeit und Zuschussrente

  1. Die meisten Probleme die du ansprichst lassen sich durch die Einführung des Euros erklären. Wenn man sich die Mühe macht und diverse Statistiken zurückverfolgt wird man feststellen, dass es um das in den Jahren 1998-2001 einige schwerwiegende Veränderungen geben hat. Die Investitionsquote ist in Deutschland massiv gefallen, ab diesen Zeitpunkt steigen die Gehälter in Deutschland weniger stark als z.B. in der Europeripherie und die Zinsen auf Staatsanleihen fallen in der Europeripherie auf das deutsche Niveau.
    Daraus ergibt sich folgenden Bild: Unter den Bedingungen der Währungsunion, hat sich das Zinsniveau der einzelnen Ländern angeglichen. Deutschland hatte zuvor besonders niedrige Zinsen, musste also Kapital exportieren, um die Zinskonvergenz voranzutreiben. Dieses Kapital fehlte zum anderen für Investitionen im eigenen Land, was die Lohnentwicklung belastete zum anderen geht ein Kapitalexport auch mit dem Export von Gütern einher. Die schwache Lohnentwicklung und gleichzeitige Exportstärke sind also beides Produkt der gleichen Ursache, der Euroeinführung.

  2. Danke Robert, gute Erklärung.

    In den 90ern gingen die Optimisten wohl davon aus, dass die Südländer mit dem hereinströmenden Kapital ihre Wettbewerbsfähigkeit wesentlich verbessern würden. Was wohl nicht ausreichend passiert ist.

    Der Euro braucht also mehr wirtschaftspolitische Einigkeit (Steuern, Regeln…). Aber die Frage ist, ob die Euro-Zone auf dem sehr langen Weg dorthin überhaupt zusammenbleibt. Es entstehen bei diesem Prozess sicher sehr viele Reibungsflächen zwischen den Staaten…

  3. Les hier die guten News aus Deutschland! Ich trink hier in der Wirtschaftsmetropole Hong Kong Courvoisier und Remy Martin und lass mir die Sonne aufn Wanzt scheinen. Reichtum für alle!

  4. Ich nehme mal an, Du beziehst Dich auf diesen ArtikeL.
    http://www.ftd.de/politik/konjunktur/:konjunktur-deutschland-geraet-auf-die-schiefe-bahn/70075888.html – D mit geschätztem Überschuß von 2010 Mrd USD in 2012.

    Höhere Arbeitseinkommen in D würden vermutlich (zunächst) mehr Konsum bedeuten. Nur müssten das dann auch noch ganz selektiv solche Waren / Leistungen sein, die aus den weniger wettbewerbsfähigen Ländern wie PIGS und USA importiert werden. Sonst hilft das wenig bis nichts, ein Gleichgewicht herzustellen.

    Und voraussichtlich wären wir mit deutlich höheren Arbeitseinkommen leider nicht wettbewerbsfähig gegenüber z.B. den Chinesen und würden wohl weitere Arbeitsplätze abbauen. Was dann zu Angstsparen und weniger Konsum führt.

    Das Ziel für D und die gesamte EU muss es also sein, dass die schwächeren Länder hinsichtlich Wettbewerbsfähigkeit aufholen, nicht dass die stärken abbauen. .

    Übrigens hat es D laut Ftd zum ersten Mal seit 25 Jahren geschafft, gegenüber China (geschätzt 203 Mrd USD Überschuß) einen Überschuß zu erwirtschaften. Also 25 zu 1 für China. und gegen D. Da relativiert sich ein deutscher Überschuß doch sehr und dann noch mehr, wenn ich in dem Artikel lese, dass der von China von etwa dem Doppelten auf 203 Mrd sinkt.

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