Börsen-Diskussion im Internet und ihre Fallstricke

Ich gebe es zu, auch ich bin einer dieser Laien-Psychologen; die immer wieder gern beobachten wie andere Menschen sich verhalten und versuchen sich irgend welche Theorien zusammenzubasteln. In der Welt der Finanzen gibt es hier oft sehr viel zu beobachten. Liest man in einem Börsen-Forum ist dort alles dabei. Der Glückspils, der plötzlich 1000 % mit irgend einer Mine in Afrika gemacht hat und der andere der gerade alles mit einem Optionsschein verloren hat. Dann gibt es auch noch eine sehr interessante Spezies: Menschen die andere und wohl auch sich selbst belügen. Diese Menschen posten in jedem Thread und haben angeblich jede größere Kursbewegung der Vergangenheit vorausgesehen. Dabei rechnen sie einem dann vor, wie sie jeden Tag 50 % Rendite erzielen. Dass dies nicht stimmt merkt man schon daran, dass sie immer noch jeden Tag ihre Geschichten danieder schreiben und nicht längst mit ihrer Yacht durch die Karibik fahren.

Was diese Angeberei, noch dazu vor Leuten die mich gar nicht persönlich kenne, bringt?

Da habe ich eine Theorie. Diese Menschen sind spielsüchtig. Aktien, Derivate und alles was damit zusammenhängt können süchtig machen. Ist ja klar, wenn man von Tag zu Tag handelt ist es schlicht eine Art Pferderennen oder Roulette. Einen Tag rein und den anderen Tag raus, mit Hebel oder entsprechendem Einsatz kann man viel Geld verdienen oder viel verlieren. Es bietet also Nervenkitzel und auch den Traum vom schnellen Geld.

Für diese Menschen ist ein Börsenblog oder Forum nichts anderes als das Wettbüro, in dem jeden Tage die Menschen sitzen, zusammen Kaffee trinken,rauchen und Emotionen erleben. Im Internet hat er den Vorteil, dass einem keiner ins Gesicht sehen kann und der andere auch nicht weiß welchen Wettschein man in der Hand hat. Der Spielsüchtige erzählt also immer von Gewinnen und hofft so auf Bewunderung der anderen. Diese Menschen sind wirklich krank und ich bin sicher, dass hinter vielen dieser Börsen-Prolls tragische Schicksale stehen.

Eine weitere psychologisch sehr interessanten Phänomen ist der gemeinsame Verlust. Verliere ich, dann bin ich depressiv und schäme mich für meine Naivität, für meine Gier oder sonst etwas, was meinen Fehler verursacht hat. Verlieren aber alle anderen auch, dann ist es ok.

Gehe ich in einen Commerzbank-Topic und die Aktie sinkt und sinkt herrscht trotzdem gute Laune. Warum? Klar, die meisten anderen Anwesenden haben auch verloren. Statt, dass man gemeinsam versucht aus Fehlern zu lernen, motiviert man sich gegenseitig an seiner Taktik festzuhalten. In Ordnung, bei der Commerzbank gibt es natürlich wirklich Hoffnung auf besser Kurse. Aber es gibt auch Aktien, da geht es seit Ewigkeiten nur abwärts und es gibt eine große Wahrscheinlichkeit für einen Totalverlust. Liest man sich dann in den Thread rein, denkt ich oft, ich lebe auf dem falschen Stern. Es herrscht beste Laune. Angeblich hätte irgend einer von einem Insider gehört es würde bald aufwärts gehen und sowieso könnte die Aktie jetzt nur noch steigen. Also kaufen viele sogar noch Aktien dazu, statt endlich einen Schlussstrich zu ziehen und mit einem dunkelblauen Auge davonzukommen.

Das Phänomen ist für mich Gruppenpsychologie vom feinsten. Verliere nur ich und die anderen nicht, dann wird mir klar: Ich habe etwas blödes gemacht und muss umdenken. Verlieren die anderen auch, dann ist alles ok. Die Gruppe bestärkt mich, der Fehler wird nicht bei mir, sondern am bösen Aktienmarkt, der Politik oder der PR Abteilung des Unternehmens gesucht. Es gibt nur eine Lösung, falls man so eine Loser-Aktie im Depot hat. Weg von diesem blöden Aktienforum und den anderen, die da im fallenden Fahrstuhl sitzen. Erst dann kann man wieder klar denken und kommt aus der Sache wieder raus.

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