Bin ich spät oder bin ich zu spät?

Einer der jüngeren deutschen Sprachfloskeln ist Michail Gorbatschows Satz „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“. Für den Kauf von Aktien spielt bekannterweise das Timing eine entscheidende Rolle. Kaufe ich eine Aktie zu einem günstigen Zeitpunkt sind meine Renditen natürlich wesentlich besser als wenn ich zu einem ungünstigen Zeitpunkt kaufe. Oft gibt es Firmen, bei denen die Gewinne und Kurse wachsen und wachsen. Dennoch kauft man nicht. Unser Verstand sagt uns zwar, dass die Firma eigentlich ein gutes Investment ist; wir aber zu spät sind um noch einzusteigen. Vielleicht ist man wirklich spät, aber ist man wirklich so spät, dass es nichts mehr zu holen gibt…

Gestern habe ich eine Aktien-Position eröffnet, die mich doch einige Überwindung gekostet hat. Dabei habe ich überhaupt keine Zweifel an dem Unternehmen und einer positiven Zukunftsentwicklung. Dennoch hatte ich irgendwie ein komisches Gefühl als ich die Orderdaten in die Kaufmaske meines Brokers eingab.

Über die Firma hatte ich mich sehr gut informiert und verfolge die Entwicklung schon seit längerem. Was mich zögern ließ war, dass der Kurs eben seit langer Zeit steigt und steigt. Seit geraumer Zeit wartete ich auf einen größeren Kursrücksetzer, der aber einfach nicht kommen will. Um eine Fahnenstange handelt es sich bei der Kursentwicklung aber nicht, Gewinne und andere Fundamentaldaten bieten ausreichende Begründung für den Kursanstieg.

Nachdem ich nach den Dividendenausschüttungen der letzten Zeit mal wieder ein kleines Sümmchen zusammen hatte, habe ich mich gestern also Entschieden endlich bei dem Wert einzusteigen. Der Widerstand darüber war eher ein Ärgern über mich selbst. Ulrich, warum hast du diesen Wert nicht längst im Depot! Du hast ihn doch länger beobachtet! Die Aktie hättest Du letztes Jahr doch noch zu einem viel niedrigeren Kurs haben können!

Dieses Gefühl irgendwie spät zu sein hat man oft beim Investieren. In einem Buch lass ich mal davon, dass beim Aufstieg von Coca Cola in den Dow Jones ( 1932 ) viele vom Kauf abrieten; mit der Begründung: Coca Cola sei schon eine recht alte Firma und man hätte für gute Renditen früher einsteigen müssen. Schauen wir uns an was aus einem Coca Cola Investment vor dem zweiten Weltkrieg heute geworden wäre sehen wir natürlich, dass dieser Ratschlag damals nicht sehr gut war.

Oft hat man als Anleger den Anspruch, an sich selbst, irgend eine geniale Idee zu haben. Eine Firma zu finden, die noch keiner kennt und mit der man traumhafte Renditen erzielt. Firmen, die bereits groß und erfolgreich sind werden oft nicht gekauft, weil die Entwicklung bereits zu weit ist. Also kauft man lieber irgend ein Unternehmen, welches ein tolles neues Konzept präsentiert und denkt sich: Da war ich von Anfang an dabei. Dabei geht man natürlich oft ein wesentlich höheres Risiko ein als bei einem bereits erfolgreichen Unternehmen.

Eine sehr entscheidende Sache, die man beim erfolgreichen Investieren lernen muss, ist die Beurteilung, ob man spät oder zu spät ist. Man muss also bei der potentiellen Aktie überlegen: Ist das Unternehmen in der letzten Zeit gestiegen, weil es vielleicht ein einmalig gutes Produkt gibt, welches aber eine begrenzte Lebenszeit besitzt. Oder ist das Unternehmen einfach in einer guten Branche angesiedelt und hat langfristiges Potential zur Wertsteigerung.

In Fall 1 kann es also durchaus sein, dass wir wirklich zu spät sind. Das beste ist bereits gelaufen und wir kaufen am Zenit und erzielen damit negative Renditen. Beispiele gibt es sicherlich genug in Zeiten von Insolvenzen in der Solarbranche und abgestürzten Technikkonzernen wie Nokia.

Fall 2 wären dagegen Firmen, die einfach gut im Sattel sitzen. Zum Beispiel McDonalds. Die Aktie steigt und steigt. Dennoch ist die Aktie auch jetzt kein schlechtes Investment. Nur weil es die Aktie vor einigen Jahren noch zu wesentlich niedrigeren Kursen gegeben hat, ist sie deswegen heute kein schlechtes Investment.

3 Gedanken zu “Bin ich spät oder bin ich zu spät?

  1. Besprechung zu dem Wert kommt vielleicht noch heute Abend 😉 . Es handelte sich um Kansas City Southern, die Eisenbahn verbindet die stark boomenden mexikanischen Häffen mit den USA und wächst sehr stark.

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